Born to Run – der heilige Gral des Laufens? Ein Faktencheck.

Im Podcast RennSandale beschreibt Axel Schemberg seinen Weg zum gesunden und verletzungsfreien Läufer. An Christopher McDougalls Bestseller Born to Run führte natürlich auch für ihn kein Weg vorbei. Dabei hat Axel das Buch nicht nur gelesen, sondern auch gleich einem kleinen Faktencheck unterzogen.

goFree Concepts: Lieber Axel, was war Dein erster Eindruck von Born to Run?

Oh Mann, was ein cooles Buch. Ich hatte Born to Run gerade zu Ende gelesen und war völlig überzeugt, dass der Autor Christopher McDougall den heiligen Gral des Laufens gefunden hatte. Wir alle und auch ich sind zum Laufen gemacht … ich musste erstmal eine Runde laufen gehen … doch halt! Es war 23:50 Uhr, ich befand mich in einem Hotel und hatte keine Stirnlampe dabei. Mit dem wohligen Gedanken an einen natürlichen, freien Lauf am nächsten Morgen schlief ich selig ein.

Wie ging es nach diesem Lauf für Dich weiter?

Jedem, der es wissen wollte – oder auch nicht –, erzählte ich von dem Buch, von der Idee des natürlichen Laufens. Das musste die Lösung für alle Läuferverletzungen sein! Ich mag Fakten und daher mochte ich Born to Run gleich doppelt, denn im Buch gibt es neben der Story die zugehörigen Fakten gleich dazu. So untermalte ich meine Buchempfehlung immer gerne mit Fakten aus dem Buch „Wusstest du, dass ein 64-Jähriger genauso leistungsfähig beim Marathon ist wie ein 19-Jähriger?“ Ja, in welcher anderen Sportart gab es denn so etwas? Nein, das gibt es nur beim Ausdauerlaufen! Oder?

Born to Run scheint Dich inspiriert zu haben...

Sehr sogar. Ein Jahr später habe ich das Buch noch einmal gelesen und diesmal habe ich Lesezeichen rein geklebt … genau diese bunten Papierlesezeichen. Ich wollte die Fakten prüfen und im Rahmen meines Podcastes RennSandale darüber berichten. Etwa ab Seite 300 werden die Zettel zahlreich, dort gibt es den Vergleich Homo sapiens mit den Neandertalern. Da ich mich in Frühgeschichte nicht auskenne, hatte ich einen Mailwechsel mit Prof. Dr. Jürgen Richter von der Universität Köln. Bei ungefähr der Hälfte der Buchzitate, die ich ihm aus dem Buch geschickt hatte, hat er „Ja“ dahinter geschrieben, die andere Hälfte hat er kommentiert.

Wow, das klingt spannend! Was hat der Experte gesagt?

McDougall beschreibt unter anderem, dass diese starken, klugen und mutigen Jäger ausstarben, weil sie mit der einsetzenden Warmzeit, den verschwindenden Wäldern und der Jagd im Grasland dem modernen Menschen unterlegen gewesen seien: „Innerhalb von 10.000 Jahren nach der Ankunft des Homo sapiens in Europa waren die Neanderthaler verschwunden“. Das entspricht jedoch nicht ganz den heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Die Konkurrenz zwischen Neandertalern und Homo sapiens fand nämlich in der Mammutsteppe statt – erst 30.000 Jahre später begann die Warmzeit.

Naja, Amerikaner... Vielleicht kennt er sich einfach nicht so gut mit europäischer Frühgeschichte aus?

Das kann sein. Was mich beim ersten Lesen jedoch noch mehr beeindruckt hatte, war die Geschichte von der Hetzjagd. Unglaublich, dass ich – gemeinsam mit meiner Sippe – biologisch in der Lage bin Bambi zu Tode zu hetzen. Im Jahr 2012 versuchten dann auch neun sehr gute Läufer – der beste von Ihnen mit einer Marathonzeit von 2:10 Stunden – auf einem eingezäunten Gelände in New Mexiko einen Gabelbock zu Tode zu hetzen. Für den Gabelbock glücklicherweise erfolglos. Doch Moment, es gibt noch andere im Kampf um die Ultralauf-Krone: Kamele. Sie laufen mit 10 bis 15 km/h ebenfalls 160km am Stück – im Gegensatz zu uns Menschen aber ohne Verpflegungsposten! Wäre also die Fähigkeit des Ultralaufens die entscheidende, so wären es wohl die Kamele, die die Welt regierten. Eine amüsante Vorstellung.

Unsere Fähigkeit ausdauernd zu laufen würdest Du aber schon als evolutionären Vorteil bezeichnen?

Mit Sicherheit! Allerdings spitzt McDougall meiner Ansicht nach die ganze Sache ein wenig zu sehr darauf zu. Die Evolution hat alle Arten zu Anpassungen gezwungen und jede Anpassung ist immer ein Kompromiss. Der Gabelbock musste in einer sehr offenen Landschaft seinen Feinden entkommen. Das hat ihn zwar schnell werden lassen, seine Fähigkeit Nahrungsreserven zu speichern hat er aber eingebüßt. Unser Geschick beim Werfen, vor allem aber unsere Vorstellungskraft dürften im Rahmen unserer Entwicklung eine mindestens genauso wichtige Rolle gespielt haben wie unsere Ausdauerleistung.

Auch wenn McDougall an verschiedenen Stellen des Buches also nicht sehr wissenschaftlich gearbeitet hat – am Ende sind wir Born to Run?

Natürlich sind wir zum Laufen geboren! Die Fähigkeit zu Laufen hat es uns ermöglicht unsere Spezies bis nach Feuerland auszudehnen und sie ermöglicht uns heute noch große Migrationswanderungen. Um es mit Emil Zátopek zu sagen: „Fisch schwimmt, Vogel fliegt, Mensch läuft“. Alles in allem ist Born to Run auch ein tolles Buch, welches mich und viele andere Leser zum Laufen motiviert hat. Solltest du es noch nicht gelesen haben: Lesen! Wenn du es gelesen hast, sei zurückhaltend, die dort genannten Fakten zu zitieren.

Der Podcaster:

Axel Schmberg vom Podcast RennSandale

Axel Schmberg, RennSandale – Der Podcast zum gesunden Laufen: https://1n3sv12.podcaster.de und bei iTunes: https://itunes.apple.com/de/podcast/rennsandale/id1335751852?mt=2

 

 

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